Montags bis samstags war meine Mutter fürs Kochen zuständig. Und das war schon eine gewaltige Aufgabe, Tag für Tag für acht Personen – Vater, Mutter und sechs Kinder – zu kochen! Sättigend sollte es sein, preiswert und lecker. Wenn ich nur an den täglichen Einkauf denke, den meine Mutter damals zu erledigen hatte! Wir besaßen lange Jahre kein Auto, den Führerschein machte mein Vater erst mit über 40 Jahren. Meine Mutter fuhr mit den Kleinen im Kinderwagen zum Konsum, später zum ersten Aldi nach Burtscheid in die Fußgängerzone. Milch wurde nebenan beim Milchmann Limpgens geholt, der sein Reich im Hinterzimmer des Tante-Emma-Ladens „Göbbels“ in der Bendstraße hatte. Wir älteren Kinder gingen dort auch schon alleine mit der Milchkanne hin, „lose Milch“ holen, die noch mit einer Pumpvorrichtung in die Kannen „gezapft“ wurde. Später wurde die Milch in Glasflaschen zu 1/2 l oder 1 l verkauft, je nach Fettgehalt mit silber- oder goldfarbenem Deckel.

Aber am Sonntag war mein Vater für das Mittagessen zuständig. Im Winter gab es meistens einen großen Topf voll Rindfleischsuppe mit Nudeln und einen Braten. Diesen Sonntagsbraten bereitete mein Vater mit Hingabe zu, meistens fing er schon am Samstagabend mit dem „Anbraten“ an. Zu besonderen Gelegenheiten oder Festtagen gab es Sauerbraten, dann duftete das ganze Haus süß-sauer und nach den köstlichen Kräuterprinten. Nur in Aachen gehören Kräuterprinten in die Sauerbratensoße und das macht sie so besonders lecker! Die Zubereitung beginnt schon ca. 1 Woche vor dem Braten, nämlich mit dem Einlegen des Rindfleischs.

In alten Zeiten wurde der Sauerbraten aus Pferdefleisch hergestellt, sauer eingelegt, um ihn zarter und haltbarer zu machen. Aber heute wird fast ausschließlich Rindfleisch verwendet. Super gelingt er mit einem

  • Stück Rindfleisch „von der Rolle“ oder „dem Nüsschen“ (fragen Sie bei Ihrem Metzger danach).

Zunächst wird eine Marinade hergestellt:

  • ca.  3/4 l Wasser
  • ca. 1/4 l  Essig
  • 3 große Zwiebeln geschält und in Scheiben geschnitten
  • 3 Möhren geschält und in Stücke geschnitten
  • 1 Stange Porree (in Scheiben) und
  • 1 Tüte Sauerbratengewürz  (eine Mischung aus Pfefferkörnern, Lorbeerblättern, Wacholderbeeren, Pimentkörnern, Gewürznelken u.a.)
  • evtl. ein „Schuss“ Cognac (mein Vater schwört darauf!)  bzw. 1/4 l Rotwein.

Alles in einen Kochtopf geben, aufkochen und abkühlen lassen.

Das Fleisch (ca. 1,5 kg) in eine Steingut- oder Porzellanschüssel legen und mit der Marinade übergießen. Das Fleisch muss bedeckt sein! Das Gemüse mit dazugeben. Mit Frischhaltefolie abdecken. Für mindestens 5 Tage (besser 7) in den Kühlschrank stellen und dabei zweimal täglich wenden.

Die Marinade dringt in die Fleischfasern ein, sorgt für die dunkle Farbe und den säuerlichen  Geschmack. Außerdem wird das Fleisch durch die Säure schön mürbe und zart.

Meine Oma verwendete immer Essigessenz statt Essig. Sie nahm so viel davon, bis die Marinade „gut sauer“ war. Die Mengenangabe „gut sauer“ benutzt auch mein Vater, er verwendet allerdings einen guten Weinessig, was ich auch sehr empfehle. (Essigessenz benutze ich nur noch zu Reinigungszwecken und zum Entkalken. Meine Oma zauberte damit auch eine „leckere“ Salatsoße. Essigessenz wurde mit Wasser, Dosenmilch, Salz, Pfeffer und Zucker, zusammen mit kleingeschnitten Zwiebeln, verrührt und über den Salat gegeben. Schon bei dieser Vorstellung „zieht es mir alles zusammen“!)

Bevor man mit dem Anbraten beginnt, stellt man sich am besten noch die restlichen Zutaten bereit, die noch benötigt werden:

  • Butterschmalz oder Öl zum Anbraten
  • Salz und Pfeffer
  • ca. 100 g Rosinen
  • 1 kleines Päckchen Kräuterprinten
  • Apfel- oder Rübenkraut.

Nun wird das Fleisch aus der Marinade genommen (Marinade nicht wegwerfen! Wird noch benötigt!), mit Küchenpapier abgetrocknet, mit Salz und Pfeffer eingerieben und im heißen Fett von allen Seiten kräftig angebraten.

Das Fleisch muss deutlich sichtbar Bratspuren zeigen, d.h. überall eine schöne braune Farbe haben. Das ist wichtig, damit auch die Soße schön dunkel und lecker wird.

Anschließend das Fleisch kurz aus dem Bräter nehmen und das Gemüse aus der Marinade „fischen“ und ebenfalls anbraten.

Wer möchte, gibt noch ein wenig

  • Tomatenmark

dazu und brät dieses ebenfalls unter ständigem Rühren mit an (ist aber nicht unbedingt notwendig). Mit wenig

  • Rotwein oder Marinade

ablöschen, dann das Fleisch wieder darauflegen und mit der restlichen Marinade auffüllen, Rosinen dazugeben.

Deckel auflegen und das Fleisch in ca. 90 Minuten (evt. auch 10 Min länger) weich schmoren lassen.

Nun das Fleisch herausnehmen und die Soße zubereiten. Dazu die Marinade mit dem Gemüse und den Rosinen durch ein Sieb streichen und danach zurück in den Bräter geben. Vier bis fünf Stücke Kräuterprinten dazu bröseln und unter Rühren mit dem Schneebesen auflösen und aufkochen. Mit Apfel- oder Rübenkraut abschmecken. In der Regel braucht diese Sauce keine weitere Bindung. Ist sie noch zu dünnflüssig, noch etwas Printe dazugeben.

Das Fleisch in möglichst dünne Scheiben schneiden (dünne Scheiben schmecken besser als dicke!). Mit der herrlichen Soße zu Nudeln (oder Knödeln oder Fritten) mit Apfelmus oder Rotkohl servieren.

Guten Appetit!


 

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